Zum Inhalt
Startseite » Für Betroffene und ihr Umfeld

Für Betroffene und ihr Umfeld

Wichtig vorab: Ich bin selbst betroffen, aber keine Fachperson. Ich berichte, wie sich das Stottern für mich anfühlt, wo es mich behindert und was mir hilft oder eben auch nicht.

Ich stottere selbst

Wie gehe ich im Alltag mit dem Stottern um?

Weiterlesen →

Mein Kind stottert

Was mir als Betroffenem und Vater eines stotternden Kindes hilft.

Weiterlesen →

Jemand in meinem Umfeld stottert

Was ich mir von meinem Gegenüber wünsche.

Weiterlesen →

Ich stottere selbst

Eigentlich möchte ich etwas sagen, aber ich mache es nicht, weil dann müsste ich ja sicher stottern. Früher hat mein Stottern bestimmt, was ich sage und wie ich es sage. Ich habe Situationen vermieden, in denen ich sprechen musste, oder habe «schwierige Worte» während des Sprechens umschifft, was dann meistens in einem grammatikalisch falschen Satz endete.

Was mir grundlegend hilft, ist die Erkenntnis, dass ich eigentlich sprechen kann: Wenn ich alleine bin, vor dem Spiegel, mit der Familie. Mein Stottern tritt je nach Situation und Kontext unterschiedlich auf. Stottern darf für mich aber keine Ausrede sein, etwas nicht zu tun.

Je mehr ich mir zutraue, desto weniger stottere ich. Die letzten Jahre haben mir aber auch gezeigt, dass die meisten Menschen kein Problem mit Stottern haben: Nur weil ich mit mir selber ungeduldig bin, bedeutet das nicht, dass auch andere Menschen mit mir ungeduldig sind. Durch den Erfahrungsaustausch mit anderen Stotternden in der Gruppentherapie unter der Leitung von José Armein habe ich gelernt, dass ich nicht alleine bin. Gleichzeitig habe ich auch erfahren, wie wichtig es ist, auch meinem Gegenüber Geduld entgegenzubringen – eigentlich genau das, was wir von Zuhörenden auch erwarten.

Daneben hat mir auch die fachliche Unterstützung von erfahrenen Logopäden und Logopädinnen immer wieder geholfen. Als Jugendlicher lernte ich die Fluency-Shaping-Technik nach Holger Prüß kennen. Sie gab mir Wörter zurück, indem ich meine Aussprache modulierte: Durch einen weichen Stimmeinsatz oder das Dehnen von Silben gelang es mir, «schwierige Wörter» auszusprechen. Mit dieser Technik hatte ich in problematischen Situationen ein Werkzeug, um den Redefluss aufrechtzuerhalten. Später lernte ich bei José Amrein einen ganzheitlichen Ansatz kennen, durch den ich erkannte, dass ich auch ohne solche Hilfsmittel sprechen kann. Rückblickend war das Sprechen nach der Methode Prüß zwar hilfreich, aber es war auch wie ein Gehstock: Es unterstützte mich, löste das Problem aber nicht grundsätzlich. Durch die Arbeit mit José Amrein erkannte ich, dass mein Stottern keine gegebene Beeinträchtigung sein muss. Ich kann an mir arbeiten und meinen Redefluss verbessern. Aber es gibt Situationen, da hilft alles nichts. Dann möchte ich beispielsweise ein Brot in der Bäckerei bestellen und spüre bereits, das wird jetzt schwierig. Dann stottere ich eben und erhalte mein Brot trotzdem.


Mein Kind stottert

Vielleicht vermuten Sie, dass Ihr Kind stottern könnte, oder Ihr Kind hat bereits eine Diagnose. Ich kann nicht für Ihr Kind sprechen. Ich kann aus meiner eigenen Erfahrung berichten, wie sich das Stottern für mich anfühlt, wie meine Frau und ich mit einem stotternden Kind in der Familie umgehen und was mir als Kind geholfen hat und auch heute noch hilft oder eben auch nicht.

Mir half es als Kind, wenn man mir einfach zuhörte, ohne gut gemeinte Kommentare (wie «Denk zuerst nach» oder «Hol mal Luft») und ohne gut gemeinte Hilfestellungen wie das Beenden meiner Sätze, sondern einfach konzentriert zuhören und Blickkontakt halten. Das Thema Stottern darf gerne angesprochen werden, es ist kein Tabu. Meiner Erfahrung nach hilft ein offener Umgang dabei, die Angst vor dem Sprechen zu nehmen und den offenen Austausch zwischen Eltern und Kindern zu fördern. Ein wichtiger Punkt ist Humor: Manchmal ist das Stottern oder die Reaktion des Gegenübers lustig, dann darf man auch zusammen darüber lachen.

In unserer Familie hat sich der Umgang mit dem Stottern entspannt, als wir die gesammelten Abenteuer von Benni gemeinsam gelesen haben. Mit viel Humor werden darin die alltäglichen Abenteuer vom 12-jährigen, stotternden Benni erzählt. Für Eltern kann es Überwindung kosten, Benni vorzulesen, weil sie dabei für den authentischen Text extra stottern müssen. Durch die Lektüre lernen nicht stotternde Eltern und Geschwister die Alltagsprobleme von Stotternden kennen, aber auch Stotternde können neue Lösungen lernen.


Jemand in meinem Umfeld stottert

Jemand in Ihrem Umfeld stottert und Sie wissen nicht, wie Sie damit umgehen sollen? Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, meistens hilft es schon, wenn man einfach ganz normal zuhört: Blickkontakt halten, nicht ins Wort fallen, keine Sätze beenden, keine gut gemeinten Ratschläge geben – sich also eigentlich so wie bei jedem anderen Gegenüber verhalten. Bei Unsicherheit oder Unklarheiten kann das Thema offen angesprochen werden. Menschen, die stottern, wissen in der Regel selbst, dass sie stottern. Sie können Ihnen am besten sagen, was ihnen hilft und wie sie mit bestimmten Situationen umgehen möchten.


Anlaufstellen

VERSTA – die Selbsthilfeorganisation für Stotternde in der Schweiz: stottern-schweiz.ch. Hier finden Betroffene und Eltern Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch, Gruppen und Fachinformationen.

Welttag des Stotterns: Der Welttag des Stotterns findet jedes Jahr am 22. Oktober statt. Er ist ein guter Anlass, um über das Stottern ins Gespräch zu kommen und das Verständnis zu fördern.

Was ich nicht bin

Ich bin selbst betroffen, kein Therapeut und keine Fachstelle. Meine Erfahrung ist meine eigene. Sie ersetzt keine logopädische Abklärung und keine Beratung. Für alles Fachliche verweise ich bewusst an Fachstellen.