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Meine Geschichte

Ich stottere, seit ich sprechen gelernt habe. Im Vorschulalter und zu Beginn der Primarschule war das noch kein Thema: Einige Kinder sprechen schlecht Deutsch, andere lispeln, sprechen laut oder leise. Gemäss meinen Erfahrungen nehmen Kinder das zur Kenntnis, ohne sich daraus ein Urteil zu bilden. Ich besuchte die Logopädie, aber in meiner Erinnerung nicht wegen des Stotterns, sondern wegen meiner Aussprache. Ab der sechsten Klasse wurde es schwer: Vergleiche, Hänseleien, Rückzug. Ich mied Situationen, fürchtete Referate und wurde leise. Auch eine schwere Zeit in der Jugend, in der ich wegen einer Depression in Behandlung war, gehört zu meinem Weg.

Was viele nicht verstehen: Stottern ist keine Frage von Intelligenz, Mut oder Erziehung. Es ist eine neurologische Gegebenheit, die in der Schweiz gemäss VERSTA rund 90’000 Menschen betrifft. Man nimmt sie nicht wahr, wenn ich schreibe. Man hört sie aber, wenn ich spreche. Und genau deshalb hat sie jahrelang mehr über mein Leben bestimmt, als sie hätte bestimmen dürfen. Manche Situation habe ich gemieden und manche Antwort habe ich nicht gegeben, aber nicht, weil ich sie nicht gekannt habe.

Mein Weg bog an einem Punkt ab, den niemand erwartet hatte – auch ich selbst nicht: Ich kandidierte für den Gemeinderat in Waldenburg. Weil das Reden vor Publikum meine schwierigste Übung war, führte ich den gesamten Wahlkampf schriftlich: mit einer Blogreihe, mit Analysen und einem Flyer. Am Ende zog ich mit den zweitmeisten Stimmen in den Gemeinderat ein.

Und dann kam, wovor ich am meisten Angst hatte: das Sprechen vor Menschen. Meine erste grosse Budgetpräsentation überforderte mich trotz guter Vorbereitung und ich stotterte stark. Das Budget wurde trotzdem angenommen und die positiven Rückmeldungen stärkten mein Selbstvertrauen. Doch aufgrund der finanziellen Lage der Gemeinde wies der Regierungsrat das Budget zurück. Zwei Monate später stand ich also wieder am selben Ort, vor über 140 Personen, mit Lokalmedien, Radio und Fernsehen. Diesmal nahm ich mir den Druck, frei sprechen zu müssen, und las meinen Text von meinen Notizen ab. So brachte ich die Steuererhöhung zur Rettung des Schwimmbads durch. Was mich trug, war ein Mantra, das ich mir zurechtgelegt hatte: «Ich genüge.» Durch die Erfahrungen und Begegnungen der letzten zwei Jahre ist daraus inzwischen «Ich bin gut» geworden.

Ich stottere heute noch hörbar bei Präsentationen, beim Smalltalk, am Telefon, beim Bestellen in der Bäckerei. Das Stottern ist nicht weg, aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Ich vermeide nichts mehr. Manchmal stottert man eben. Und mit jeder Überwindung, mit jeder gewonnenen Erfahrung tritt das Stottern in den Hintergrund.

Wenn ich meinem zwölfjährigen Ich einen Satz mitgeben könnte, wäre es dieser: «Folge deinen Ideen und setze sie um. Stottern ist nur in deinem Kopf ein Hindernis.»

Abschluss

Ich erzähle das öffentlich, weil Stottern unsichtbar wird, wenn niemand darüber spricht. Am 22. Oktober, am Welttag des Stotterns, ist dieses Thema einmal im Jahr überall sichtbar. Auf dieser Seite ist es das ganze Jahr.

Anlaufstelle in der Schweiz: VERSTA – Vereinigung für Stotternde und Angehörige. Für Therapie vermittelt der Deutschschweizer Logopädie-Verband (DLV) Fachpersonen für Redeflussstörungen. Weitere Informationen und Selbsthilfe-Angebote im deutschsprachigen Raum: Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe.

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