«Stellen Sie sich vor, am morgendlichen Appell werden Sie aufgerufen «Furler!» und dann kommt als Antwort «A-A-A-anwesend!». Das geht nicht, auf keinen Fall!» So hätte meine Rekrutierung enden können. Der Rekrutierungsoffizier war überzeugt davon. Ich nicht.
Vor der Rekrutierung war ich unentschlossen, wie vermutlich viele junge Männer: Möchte ich wirklich Militärdienst leisten? Gibt es einen einfachen Umweg? Nach dem ersten Tag schwang meine Skepsis um. Ich mag es, mit klaren Regeln in einem Team unterwegs zu sein und Aufgaben zu erledigen. Die Abläufe waren gut und professionell organisiert. Die Abklärungen und Tests verliefen problemfrei, das Sportabzeichen verpasste ich nur um ein Haar. Am Ende des zweiten Tages fühlte ich mich wohl und war gespannt auf das Abschlussgespräch.
Dann war es soweit: Ich sass dem Offizier gegenüber. Er studierte meine Unterlagen, wir wechselten ein paar Worte und dabei musste ich stark stottern. Sofort war für ihn die Situation klar: Mit den einleitend zitierten Worten stellte er fest, dass ich wegen des Stotterns untauglich bin.
«Damit bin ich nicht einverstanden.»
Zu seinem und auch meinem Erstaunen ergriff ich das Wort: «Damit bin ich nicht einverstanden.» Diese Reaktion hatte er nicht erwartet. Ich hatte sogar das Gefühl, einen leisen Anflug von Panik in seinem Gesicht zu sehen. Nun lag die Gesprächsführung bei mir. Ich erklärte ihm, dass ich Dienst leisten wolle und dass ich die zwei Tage Tests und Abklärungen problemlos absolviert hatte. Wir einigten uns auf schutzdiensttauglich.
Mit merklicher Entspannung begleitete er mich eine Tür weiter zum zuständigen Offizier des Zivilschutzes. Dieser war ganz aus dem Häuschen: endlich einer, der freiwillig zum Zivilschutz möchte. Wir besprachen in entspannter Atmosphäre die Optionen. Für mich war schnell klar, dass ich aufs Feld zu den Pionieren möchte.
Während meiner Zeit im Zivilschutz war ich unter anderem Mitglied im Katastrophendetachement (Kata Det) und erlebte einige spannende Aussen-Einsätze zugunsten der Bevölkerung, immer mit verständnisvollen Vorgesetzten und Kollegen. Was mich in all den Einsätzen aber nie beeinträchtigte, war das Stottern und das obwohl man sich auch im Zivilschutz mit «anwesend» meldet.
Ich lernte aus dieser Geschichte, dass ich mehr auf meine Intuition hören sollte: Wenn ich über meine Möglichkeiten nachgedacht hätte, hätte ich mich in dieser Situation nie getraut, ihm zu widersprechen. Zudem lernte ich, dass eine Schubladisierung aufgrund meines Stotterns nicht das letzte Wort sein muss. Der Weg verlief anders als geplant, aber er führte dorthin, wo ich etwas bewirken konnte und tolle Menschen kennenlernen durfte.
Anlaufstelle in der Schweiz: VERSTA – Vereinigung für Stotternde und Angehörige. Für Therapie vermittelt der Deutschschweizer Logopädie-Verband (DLV) Fachpersonen für Redeflussstörungen. Weitere Informationen und Selbsthilfe-Angebote im deutschsprachigen Raum: Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe.